Funktionalität ist zwar bis heute ihr Hauptanliegen, “aber ich erlaube mir inzwischen sogar mal ein Blümchenkleid”. Und so stehen Kollektionsnamen wie “Schichtwechsel” zwar für praktische, aber deswegen nicht weniger anmutige Mode: Schürzen-und Hemdkleider. Kleider mit verstellbaren Kravattenträgern. Matrosenhosen mit abnehmbarem Latz. Gern dezent einfarbig. “Es geht mir vor allem darum, wie man sich in einer grossen Stadt bewegt und welche Dinge man bei sich trägt.” Claudine Brignot will uns also wirklich helfen. Schöner kann Hilfe nicht sein.
Elle
Ganz weltlich erscheint dagegen ein Fashion-Konzept namens Urban speed von Ulrike Kölzer und Claudine Brignot. Erstmalig beschäftigen sich die beiden Produkt-Designerinnen mit Alltagskleidung, doch warten sie gleich mit einem überraschenden Transfer auf: Sie stellten fest, dass für Sportbekleidung in kurzen Zyklen innovative Materialien entwickelt werden. Doch fand bislang kaum eine Anwendung dieser äusserst leichten, luftdurchlässigen und knitterfreien Stoffe im Bereich Alltagskleidung statt. Bei Kölzer und Brignot treten diese Outdoor-Materialien in Stil und Schnitt als (beinahe) klassischer Herrenanzug auf. Zahlreiche Taschen machen das Kleidungsstück zu einem mobilen Büro, dessen notwendige Hardware am Körper getragen werden kann. Sozusagen die Fortsetzung der Beuys-Weste mit anderen Mitteln - eine gelungene Weiterentwicklung.
Form
Auch Claudine Brignot in Berlin hat längst erkannt, dass Authenzität dem Zeitgeschmack entspricht. Die Damenschneiderin und Industriedesignerin hat in Mitte ein Geschäft, verkauft Kleidung, die an Schwesterntrachten und Uniformen von Stewardessen erinnert. Ihre neueste Kollektion heisst “Fassade 06”: viel in Braun, Blau und Beige, mit Paspeln und Borten. Teils bedruckt - mit Fassadenmustern aus der Hauptstadt des Arbeiterstaates DDR: Rauten und Rechtecke von Centrum Warenhaus, Café Moskau und Palast der Republik. Klar werden Brignots Kittel kaum von Schwestern und Stewardessen getragen; “mittlerweile arbeiten die meisten Menschen in weniger klar definierten Berufen”, sagt sie. Indem sie “den Menschen etwas zeigen will, mit dem sie sich identifizieren können”, folgt sie Joseph Beuys, und das ist ihr besonders wichtig, “gerade, da die Arbeit Identifikation nicht mehr zu geben vermag”. Ganz gleich, was Brignot macht: Es läuft. Längst auch in der Schweiz und im französischen Eddelkaufhaus Lafayette.
Financial Times Deutschland
Irgendwie muss der Modehimmel Claudine Brignot direkt in die Gipsstrasse 7 geschickt haben. Die aparte Schweizerin, die dort seit einem Jahr ihre cleanen Modelle unter dem Namen urban speed verkauft, ist selbst ihr bestes Modell. Eigentlich ist die 33-Jährige eine studierte Produktdesignerin, und wahrscheinlich sind deswegen ihre Kreationen nicht nur schön, sondern auch praktisch.
WELT am SONNTAG